WIPE THE WINDOWS    CHECK THE OIL

Ausstellungsdauer: 6. September bis 18. Oktober 2015
Eröffnung: Samstag, den 5. September 2015, um 19:30 Uhr
Einführung: Sabine Elsa Müller, Köln
Finissage: Sonntag, den 18. Oktober 2015

 


 

tec
Styropor, Waschbeton mit Muscheln / ca. 670 x 450 x 120 cm

WIPE THE WINDOWS CHECK THE OIL / Kunstverein Mönchengladbach, 2015



Das Motiv der Einladungskarte zeigt einen Schnappschuss durch die Windschutzscheibe in einer Autowaschanlage. Es gibt kaum etwas Profaneres als eine Autowaschanlage, aber mit den schillernden Lichtreflexen und verschwimmenden Grau- und Türkisabstufungen wächst der ästhetische Eindruck weit über das Faktische des Gegenstands hinaus. Der besondere Blick setzt sich mit den Gegebenheiten auseinander und stellt Bezüge her, die das, was da ist, in einem neuen Licht erscheinen lassen.



Der Bildhauer Götz Arndt befindet sich in einem andauernden Dialog mit den Gegebenheiten des zivilisatorischen Raumes. Die als Ausstellungshalle genutzte Industriearchitektur des Mönchengladbacher Kunstvereins wird ebenso auf ihre spezifischen Eigenschaften der Raumdurchdringung und Raumbildung untersucht wie die Wege, Plätze und Architekturen in seinen vorausgegangenen Werken. Arndt arbeitet die Zweiteilung der Halle mit zwei formal sehr unterschiedlichen Interventionen heraus, die am Ende als sich ergänzende Bilder eines zusammenhängenden Prozesses zur Synthese finden.



Beim Betreten der Halle stellt sich tec dem schnellen Durchschreiten des Raumes entgegen. Mächtige weiße Volumen gruppieren sich auf dem Boden um einen der Pfeiler, mittels derer die eingezogene obere Ebene getragen wird. Mit ihrer weißgleißenden Farbe, ihren scharfkantigen Formen und dem feinen Relief der kristallinen Oberflächen erinnern sie unmittelbar an Eisschollen. Gegen diese erzählerische Konnotation arbeitet die strenge, im rechten Winkel ausgerichtete Positionierung rechts und links einer Mittelachse, die bündig mit der Raumgrenze der oberen Ebene zusammenfällt. Die forcierte Anbindung an die Architektur vertieft die Ambivalenzzwischen naturnaher, gar mit Pathos erfüllter Ausstrahlung und der wahren Natur des Materials. Es handelt sich um Styropor, ein in der Bauindustrie nicht mehr wegzudenkendes Erdölprodukt.

Als buchstäblich tragende Elemente der Installation dienen die Styroporkörper als Sockel, Basis, Hintergrund, Kontrast für ganz anders geartete, im Gegensatz dazu fast fragile Formen. Flache, geknickte und gewellte Bänder verteilen sich wie verstreute Teilstücke eines zusammenhängenden Bandes über die Anordnung, verlängern ihre Energie hervorkragend in den Raum, stellen Verbindungen her oder scheinen sie wie Gewichte zu verankern. Diese Bänder verfügen über eine Ober- und eine Unterseite: der kleinteilig-scharfkantigen Oberfläche aus hunderten von Muschelschalen steht eine vergleichsweise glatte Beton-Unterseite gegenüber. Ihre Entstehung verdankt sie einem nach dem Prinzip von Waschbeton entwickelten Verfahren, bei dem statt Kiesel Muschelschalen verwendet wurden. Sie stellen nicht nur das Augenmerk auf die Eigenart des Materiellen, die Gegensätze in der Form, Farbigkeit, der Oberflächen, lastender versus bewegter Elemente usw. heraus, sondern definieren durch ihren fragmentarischen Charakter auch die Zusammenhänge zwischen der gesamten Anordnung. Wie sich hier eine Form als Abguss mit zwei unterschiedlichen Seiten zeigt, die auf einen jeweils anders positionierten Zwilling verweist, so unterstreichen diese „Krücken“ auch den inneren Zusammenhang der Styroporformen: Es zeigt sich, dass auch sie aus einem großen Block entstanden sind, zu dem sie sich wie Positiv- und Negativformen wieder zusammenfügen ließen.


Die Installation tec, deren Titel sowohl mit Technik, als auch mit Tektonik assoziierbar ist, wird gleichermaßen durch Ordnung und Chaos bestimmt. Ungeheure Kräfte scheinen am Werk gewesen, um die großen Volumen zu sprengen und mit den schweren Betonkeilen zu verkanten, die wie organische Schichten aus einem sedimentierten Erdzeitalter an die Oberfläche geschleudert wurden.


Sabine Elsa Müller

 


Ausstellungsansicht, TEC, Foto: Stefan Sturm (Parterre)

 



YO
40 Armierungseisen, 8m und 12m
WIPE THE WINDOWS CHECK THE OIL / Kunstverein Mönchengladbach, 2015



Der Bildhauer Götz Arndt befindet sich in einem andauernden Dialog mit den Gegebenheiten des zivilisatorischen Raumes. Die als Ausstellungshalle genutzte Industriearchitektur des Mönchengladbacher Kunstvereins wird ebenso auf ihre spezifischen Eigenschaften der Raumdurchdringung und Raumbildung untersucht wie die Wege, Plätze und Architekturen in seinen vorausgegangenen Werken. Arndt arbeitet die Zweiteilung der Halle mit zwei formal sehr unterschiedlichen Interventionen heraus, die am Ende als sich ergänzende Bilder eines zusammenhängenden Prozesses zur Synthese finden.


Im Gegensatz zur zentrierten, lagernden Anordnung von tec hat Götz Arndt auf der oberen Ebene des Kunstvereins Mönchengladbach eine ausgreifende Raumzeichnung geschaffen. Aus den Y-förmigen Eisenträgern wachsen 8 bzw. 12 m lange Armierungseisen. Sie staken nicht verbogen und deformiert wie nach einer mutwilligen Zerstörung eines Gebäudes aus dem Beton, sondern verlängern die vertikalen und horizontalen Kräfte des Baukörpers in eleganten Bögen. Ihre gleichmäßige Anordnung an zwei aus formalen und statischen Gründen wichtigen Knotenpunkten des tragenden Stahlskeletts wirkt so minimalistisch wie selbstverständlich. Der Titel YO bezieht sich auf die Ausgangsformen, ein Y und ein Dreieck, das sich einem Kreis annähert, und die als Schweißansatz der Stäbe dienten. Von diesem Ansatz aus beschreiben sie frei aus ihrem eigenen Gewicht, ihrer Länge und ihrer Elastizität Linien in den Raum. Sie greifenaus der Baukonstruktion in das Volumen des Raumes – auf der linken Seite, bzw. fließen – auf der rechten Seite, in einem gleichmäßig und ruhig hin und her schaukelnden Rhythmus. Sie scheinen eine aus der Trägerkonstruktion hervorgehende Bewegung weiterzuführen.


Armierungseisen oder Betonstahl verfügt über eine gewisse Elastizität, um die auseinanderstrebenden Kräfte im Beton aufzufangen. Entscheidend ist seine Schwingungsfrequenz, die enorme Energien ausgleichen muss. Die schwingenden Formen von YO verwandeln die tragenden und lastenden Kräfte der Halle in energetische, parallel laufende Linienfelder. Die von dem Y ausgehende Anordnung erinnert tatsächlich auch an Schwingen, an etwas, das herabsteigt, während es auf der gegenüberliegenden Seite um Bündelungen geht, sich bündelnde Kräfte, die sogar durch die Wand hindurch gehen – die Eisen ragen auf der Außenwand noch ein gutes Stückins Freie wie Antennen, die Signale aus der Außenwelt empfangen. 


YO lässt sich körperlich im Beschreiten des Raumes erfahren. Durch die eigene Bewegung intensiviert sich der Eindruck fließender Energie, die aus der Architektur strömt. Vielleicht wird nach einiger Zeit deutlich, wie wenig es sich hier oben überhaupt um einen abgeschlossenen Raum handelt und wie sehr dieser Bereich einer offenen, konstruktivistischen Skulptur aus filigranen grafischen Elementen gleicht. Mit Blick auf die Arbeit tec im unteren Hallenbereich wird der Zusammenhang der beiden Arbeiten sinnfällig: Unten, tief im Boden, befindet sich das Epizentrum einer Energie, die selbst schwere Massen in Bewegung versetzt und deren Stoßwellen sich über die Stahlkonstruktion der Architektur bis zur oberen Ebenen fortsetzen als vibrierende Zeichnung im Raum.



Sabine Elsa Müller


Ausstellungsansicht, YO, Foto: Stefan Sturm (1. Etage)

 

 

Es erschien eine Edition.

 

Die Ausstellung wurde gefördert von