Die Windmühle aus dem südlichen Teil des Jenseits

Ausstellungsdauer: 15. Oktober bis 12. November 2006
Eröffnung: Samstag, den 14. Oktober 2006, 19.30 Uhr
Einführung: Prof. Dr. Matthias Winzen, HBK Saar
Finissage: Sonntag, den 12. November 2006

 



Ist die stehende Figur ein Maler, ein Engel, ein Dämon, ein Genius? Ist die Ausstellung ein Szenarium, eine surreale Bühne?

Im „Brunnen“ von Heike Kabisch (ca. 2,20 x 1,40x 0,60 m/Aluminium, Gips, Wasser) steht das Wasser und schimmert hellgrün, ein graues Männlein mit von Farben strotzender Palette sitzt darauf, unter ihm der Kran, aus dem die Brünnlein fließen. Ein vielfach zu deutendes, sehr klares Bild, das die junge Bildhauerin schuf. Es gehört zur Ausstellung der Klasse Katharina Fritsch, Kunstakademie Münster. Allesamt unter dreißig Jahre alt, haben die sechs Kunststudenten den Kunstverein Mönchengladbach mit Gestalten und Gebäuden, mit Ahnungen und Gewissheiten ausgestattet.

 

Die schlanke, turmartige "Windmühle aus dem südlichen Teil des Jenseits" von Benjamin Greber könnte auch eine Rakete sein mit menschlichen Attributen. Gebaut aus Pappe und Papier, bemalt mit farbigem, grauem Lack stehen wir vor einem Maschinenmann, einem Leuchtturm mit hantierenden Armen, die, wie Flügel, als Gegensatz zur Erdschwere des Körpers zu sehen sind. Bereiten sie vor auf den Flug hinauf zu Yvonne Roebs Lüster aus Bleikristall hoch oben unter der Decke des Kunstvereins? Über allem schwebt er, fünf Raben haben ihn besetzt. Das Silber schimmert, die fünf Vögel aus Polyester wirken dicht und dunkel und die Künstlerin zeigt uns Dinge, die sind, was sie sind und welche, die nicht sind, was sie scheinen. Die kostbar scheinende Arbeit ist inspiriert  von einem englischen Kinderspruch:

One for sorrow
Two for joy
Three for a girl
Four for a boy
Five for silver
Six for gold
Seven for a secret never to be told

Es hängt, so sagt er, von der Anzahl der Raben ab, was einem die Zukunft bringt. Silber, jedenfalls im Fall des 90 cm breiten und 130 cm hohen Leuchters. An andere Tiere erinnert „Skin“ von Maren Berk. Zugeschnitten wie eine Tierhaut ist die Leinwand, auf der sich furios und dramatisch ein riesiges Haifischmaul über einer jungen Frau im roten T-Shirt erhebt. „God will save you“, steht auf dem Shirt geschrieben, aber der Betrachter, hineingezogen ins Furchterregende, kann das nicht glauben. Das dann eine klare Beschneidung des Materials das Unheimliche in die bekannte domestizierte Form des getöteten und zur Verwertung bereiten Tieres bringt, erinnert an den Sieg der Vernunft über die Psyche.

In die Welt der Psychologie führt uns Berk dann noch mit colorierten Rohrschachttests: Kindererinnerungen werden wach an Wasserfarbenpfützen, die, auf Papier gemalt und schnell gefaltet, auseinandergeklappt neue Formen zeigten, magische Inhalte versprachen.

Für eine Magie anderer Art, nämlich der einer schönen Scheinwelt hat sich Nadine Arbeiter ihren Nachbarn in seinem Zimmer als Modell ausgesucht. Er entspricht ihrem Bild vom idealen, blond gelockten Mann. "Felix 1-3" ist nun zum griechischen Gott geworden, sein typisiertes Porträt klebt dreimal an den Wänden eines schlichten Tempels, wie ein Paravent bestehend aus zwei Wänden 2,20 m x 2,00 m x 1,50 m. Ist Felix anbetungswürdig? Oder nur einer von vielen? Ein antiker Ken, der auf Barbie wartet und derweil in eitler Selbstverliebtheit der Künstlerin nur zu gerne dient? Er wird alleine bleiben in seiner Koje, aber den Blick vielleicht richten auf ein Foto des Supermarktes Carrefour.

Franz Schmidt hat für "Carrefour mit Leiter" einen Ausschnitt gewählt, nämlich das riesige, in den Himmel sich erhebende, mit seinen Spitzen zur Erde weisende Carrefour-Logo. Er hat es auf 6,00m x 4,20m x 0,08m vergrößert und dieses Gerüst der Konsumwelt in schwarzweiß an die Wand tapeziert. Vor dem Bild lehnt eine 3,60 m hohe gelbe Leiter. Sie könnte aus Jacobs Traum ausgeliehen sein, sie könnte die Himmelsleiter sein, auf der die Engel auf- und absteigen oder gar die Tugendleiter, die den Aufstieg von der Demut bis zur Weisheit ermöglicht.
Ja, die Kunstgeschichte ist präsent im Kunstverein Mönchengladbach, aber nicht nur bei denen, die wissen, laufen die Filme im Kopf los bei den trotzdem sehr unterschiedlichen Arbeiten der sechs Künstler. Die Phänomene stürmen ein auch auf den unbedarften Betrachter, Erinnerung an Ereignisse, an Gesehenes wird wach und dennoch beeindrucken gleichzeitig Sorgfalt und Präzision der Arbeiten. Die Kraft der Mühelosigkeit, der Mut zum Erzählerischen, die Beherrschung des Formalen beflügeln diese Werke. Diese Fähigkeit lernen die Studenten von ihrer Professorin, der Düsseldorfer Bildhauerin Katharina Fritsch, die gerade in London im White Cube vollkommen neue Arbeiten zeigt und über ihre Arbeit einmal sagte: "Dieses Hängen an Dingen, das Sammeln von Dingen, das hat so eine süßlich-sentimentale Note, die ich überhaupt nicht meine. Wovon ich rede, das ist dieser Moment vor der Sprache. Denn als Kind kann man Dinge nicht bannen mit Sprache. Du siehst Dinge zum ersten Mal, und du weißt als Kind nicht das Wort dafür. Und das ist der Zustand, den ich wieder finde in diesem Moment der Vision: Dass etwas nicht sprachlich ist, sondern als Bild, und dass es dadurch nicht in einen sozialen oder anderen Kontext gesetzt werden kann, sondern dass das Phänomen an sich dasteht."